Beziehung
Geändert am: 29. Oktober 2014

Märtyrer, ein gewagtes Hobby

Written by K.J. Schindler Published in Beziehung
Fachliche Beratung: Ärztliche Redaktion
 
Mädchen am paradiesischen Strand Wo sind die anderen 67? © Silverstream - Fotolia.com

Er ist den Frauen sehr zugetan. Sie ihm eigentlich auch. Bloß Sabine war es nicht so sehr. Dieser Umstand verhalf unserem Autor wiederum zu verblüffenden Einblicken ins Paradies. Von einer speziellen Variante des Märtyrertums rät er seitdem mit besonderer Vehemenz ab.

Neulich hatte ich eine Nahtod-Erfahrung. Dieses neurophysiologisch-psychiatrisch komplexe Phänomen stellt sich ein, wenn der Mensch zum Beispiel nachts beim Fahrradfahren mit einer unbeleuchteten Dampfwalze kollidiert und trotzdem nicht ganz tot ist. Es sind auch andere Schockzustände als Ursache möglich. Bei mir war es Sabine, eine verflossene Freundin, die mir unversehens über den Weg lief. Unsere Trennung vor drei Jahren war nach ihrer Ansicht nicht so richtig koscher vonstatten gegangen. In Wahrheit jedoch konnte sie damals einfach meine parallelen Freundinnen nicht leiden. Sabine muss in Sachen Beziehungen als sehr egoistisch bezeichnet werden, verzeiht nichts und neigt dann manchmal zu Gewalt mit stumpfen Gegenständen.

Ich fiel also in Ohnmacht. Und wie das so ist beim Sterben, sah ich mich kurz liegen und schwebte alsdann unverzüglich durch einen hellen Tunnel. Und zwar gen Himmel, weil ich ein gläubiger Mann bin. Oben holte mich ein Engel ab, weiblich, Mitte 30. Er sah aus wie Frau Magnus, meine hübsche, besorgte Biologielehrerin aus der 10. Klasse, die mit mir privat immer einiges thematisch vertiefen wollte nach dem Unterricht.

„Guten Tag“, sagte der Engel, „schön, dich hier zu haben. Wir könnten gleich mal einiges thematisch ver...“ – „Verzeihung“, entgegnete ich, „ich bin auf meinen Tod überhaupt nicht vorbereitet, da gibt’s noch etliches zu regeln, Beitragsrückstände bei Versicherungen, mein Testament und sowas.“

Der Engel beruhigte mich, es sei ja bloß ein Nahtod, doch müsse ich mit meiner Heimkehr noch etwas warten. Ich hätte ein bisschen Pech, denn ich läge in einer Uni-Klinik, und die würden erst noch länger an mir herumforschen und –fummeln, bevor sie mich wiederbeleben. Na gut, dachte ich, wenn’s der Menschheit was bringt.

Ich fragte den Engel, ob er mir vielleicht ein Stück vom Himmel zeigen könne, wenn ich denn nun schon mal hier wäre. Zum Beispiel das Paradies mit den vielen Jungfrauen. „Das für die Märtyrer?“, wollte der Engel wissen. „Ja“, antwortete ich, „man hört neuerdings so viel davon, vor allem im Zusammenhang mit Suizid.“ Der Engel bat mich um etwas Geduld. Zwar kämen regelmäßig Selbstmordattentäter hier oben an, doch die müssten jeweils erst ziemlich mühsam wieder zusammengesetzt werden.

Wir hatten aber Glück. Es wurde gerade einer frisch rekonstruiert abgegeben. Er mag Ende 20 gewesen sein, sah sympathisch aus, wenngleich leicht ramponiert, indes erwartungsfroh. Mein Engel gebot mir, dass wir dem Mann auf seinem Weg ins Paradies unauffällig folgen sollten. „Kommen da jetzt die ganzen 70 Jungfrauen?“, fragte ich. „72“, korrigierte der Engel. „Außerdem sind im Himmel alle Frauen wieder Jungfrauen“, fuhr er fort, „übrigens auch ich“. Letzteres glaubte ich Frau Magnus allerdings nicht.

Der Mann stand mittlerweile an einer Pforte mit der Aufschrift „Paradies für Selbstmordattentäter“. Er frohlockte. Dann nahm er ein weiteres Schild wahr: „Achtung, 72 Frauen!“ Er frohlockte noch mehr. Die Pforte wurde aufgetan. Der Mann geriet außer sich vor lauter Frohlocken und hastete vorfreudig transpirierend ins Innere seiner paradiesischen Visionen. Hinter ihm ging die Pforte dann schnell wieder zu. „Verständlich irgendwie“, sagte ich, „die wollen jetzt unter sich sein.“ Der Engel nickte gedankenverloren.

Es drang nun ein maskulines Stöhnen aus dem Paradies. „72 Frauen“, schwärmte ich, „mein Gott...“ Und der Engel seufzte: „Ja, allerdings handelt es sich dabei unglücklicherweise für solche Märtyrer stets um ihre seligen Opfer und deren Verwandte und Bekannte, und...“

In diesem Moment hatte mich die Uni-Klinik fertig erforscht und reanimiert. Ich blickte in betont irdische, fröhliche Gesichter junger Medizinstudentinnen und wollte spontan noch etwas liegenbleiben. „Sie werden abgeholt“, sagte ein Arzt, „Frau Sabine wartet auf Sie.“ Ich änderte meinen Plan schlagartig und sprang aus dem Fenster.

 
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