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Geändert am: 13. Oktober 2014

Beschnitten? Nocirc-Deutschland hilft

Written by  menscore, Published in Allgemeines
Fachliche Beratung: Ärztliche Redaktion
 
Ein blutender Finger und Pflaster über Kreuz © Moultipix - Fotolia.com

Die meisten werden gegen ihren Willen beschnitten. Sie leiden und brauchen Hilfe. Interview mit dem Experten in Beschneidungsfragen Frank Tschuschke, der seit fast 20 Jahren als Berater für die Organisation NOCIRC arbeitet. 

Menscore: Herr Tschuschke, Sie repräsentieren hier NOCIRC-Deutschland. Wer oder was ist NOCIRC, und was machen Sie?

Frank Tschuschke: NOCIRC (National Organization of Circumcision Information Resources Centers) wurde in den USA gegründet und hat sich anfänglich primär gegen die routinemäßige Beschneidung von Neugeborenen gewandt. Ziel war und ist vor allem die Information und Aufklärung rund um das Thema Beschneidung. Mittlerweile ist NOCIRC in 18 weiteren Ländern mit eigenen sogenannten NOCIRC-Centers vertreten, weltweit gibt es derzeit insgesamt über 100 NOCIRC-Center und 15 weitere Organisationen, die mit NOCIRC zusammenarbeiten. Der Focus hat sich aufgrund der in anderen Ländern unterschiedlichen Gegebenheiten natürlich entsprechend verlagert, so dass es mittlerweile nicht mehr nur um die Beschneidung von Neugeborenen geht, sondern um die Thematik ganz generell.

Menscore: Wann macht eine Beschneidung aus Ihrer Sicht Sinn?

Frank Tschuschke: Ganz einfach, nur dann, wenn es medizinisch erforderlich ist und es definitiv keine alternativen Therapiemöglichkeiten gibt, was nur äußerst selten der Fall ist.

Menscore: Welche Alternativen gibt es zur Beschneidung?

Frank Tschuschke: Das hängt davon ab, welcher Befund vorliegt. Bei einer Phimose oder Paraphimose (spanischer Kragen) zum Beispiel, ist Abhilfe zu schaffen durch die Dehnung der betroffenen Stelle, bis die Verengung beseitigt ist. Darüber hinaus gibt es weitere Erkrankungsformen bzw. Fehlbildungen, die durch einen konservativen (erhaltenden) operativen Eingriff behoben werden können, so z.B. das Frenulum breve (verkürztes Vorhautbändchen), dieses kann durch eine winzige Querinzision mit anschließender Längsvernähung beseitigt werden. Die Vorhaut bleibt dabei vollkommen unberührt. Bei schwereren Fehlbildungen wie beispielsweise der Hypospadie ist eine konservative Plastik das geeignete Mittel, hierbei wird die an einer falschen Stelle des Penis gelegene Harnröhrenöffnung operativ verlagert. Eine Beschneidung ist hier nicht sinnvoll, da die eigentliche Problematik dadurch gar nicht behoben wird. Die Repositionierung der Harnröhrenöffnung ist deshalb wichtig, damit der Betroffene wieder problemfrei urinieren kann, was ansonsten erheblich erschwert sein kann.

Menscore: In den Fällen, in denen aber beschnitten werden muss, worauf sollten Betroffene achten?

Frank Tschuschke: Vereinfacht ausgedrückt darauf, dass nicht mehr getan wird, als unvermeidbar. Je mehr gesundes nicht betroffenes Gewebe erhalten werden kann, umso besser für den Betroffenen. Eine Beschneidung sollte man wirklich immer nur als Ultima Ratio betrachten.

Menscore: Mit welchen Folgen muss man rechnen (Empfindungsfähigkeit beim Sex, Kondombenutzung etc.), wenn man sich beschneiden lässt?

Frank Tschuschke: Zunächst einmal hängt auch dies wieder von der Durchführung des Eingriffs ab. Legt der Operateur größtmöglichen Wert auf ein bestmögliches kosmetisches und funktionelles Resultat, oder nicht? Wird z.B. unnötig zu viel Haut entfernt, kann es bei einer Erektion zu Schmerzen kommen, weil die verbliebene Haut übermäßig gespannt wird. Das kann in schlimmen Fällen dazu führen, dass Sex oder Selbstbefriedigung nahezu unmöglich werden.

Natürlich ist ein ganz zentraler Bereich die Reduktion der Empfindungsfähigkeit, die durch eine Beschneidung entsteht. Die Vorhaut hat die Aufgabe, die Eichel zu schützen (insbesondere vor Reibung) und das empfindliche Gewebe der Eichel feucht und sensibel zu halten. Fällt dieser Schutz weg, so ist eine sogenannte Keratinisierung der Eichel die Folge. Dies führt zu einem deutlichen Verlust der Empfindungsfähigkeit der Eichel. Das Gewebe der Eichel verdickt sich im Laufe der Zeit und trocknet aus. Hierdurch gelangt nur noch ein Bruchteil der üblichen Stimulation an die Nervenenden in der Eichel. Außerdem enthält das innere Vorhautblatt zehntausende von Nervenenden, die ebenfalls beim Sex oder der Selbstbefriedigung stimuliert werden. Diese gehen bei einer radikalen Zirkumzision vollständig verloren.

Weitere Probleme können das Entstehen von Hautbrücken oder Stichkanälen sein, die zu weiteren Beeinträchtigungen führen, oder gar einen weiteren Eingriff erforderlich machen.

Menscore: Wer fragt bei Ihrer Organisation um Hilfe an, und wie sieht diese Hilfe aus?

Frank Tschuschke: Zum einen Betroffene, also Männer, die bereits beschnitten wurden, und zum anderen natürlich auch Eltern, die vor einer solchen Entscheidung stehen, meist, um Alternativen aufgezeigt zu bekommen.

Wir beraten individuell, stellen breit gefächerte Informationen rund um das gesamte Thema Beschneidung zur Verfügung und klären auf über weitverbreitete Irrtümer, Falschbehauptungen und Fakten, die den wenigsten bekannt oder bewusst sind, wie z. B. die seelischen Folgen, die eine Beschneidung haben kann für Jungen und Männer, die im Kindesalter - selbstverständlich ohne ihr Einverständnis - beschnitten wurden. In diesem Zusammenhang möchte ich gerne auf den Artikel eines Betroffenen, der als Kind beschnitten wurde, auf unserer Homepage hinweisen: "Gefangen in Schweigen".

Menscore: Ihre Homepage ist ein gutes Stichwort: Wie und wo kann man Ihre Organisation erreichen?

Frank Tschuschke: Unsere Homepage findet man unter http://www.nocirc-deutschland.de, übrigens nicht zu verwechseln mit der Seite nocirc.de, die bedauerlicherweise von Beschneidungsfanatikern (ja, auch so etwas gibt es) gekapert wurde und mit dementsprechendem Content bestückt wurde. Zur Kontaktaufnahme steht die E-Mail-Adresse Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! zur Verfügung. Alle weiteren Informationen findet man auf unserer Homepage.

Menscore: Vielen Dank für das Interview, Herr Tschuschke.

 

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